Leseabend 2 hat stattgefunden!

Veröffentlicht am 23. September 2026 um 13:27

Leseabend 2

Das Thema des Leseabends war Horror – und selbstverständlich habe ich wie schon mitgeteilt dazu eine kleine Story geschrieben. 🖤

Ich hoffe, sie gefällt euch! Gerne könnt ihr eure eigene Interpretation in den Kommentaren teilen. 👀

Die vierte Regel

Ich habe vergessen, wie viele Namen ich getragen habe.

Manche nennen mich einen Schatten.

Andere einen Fehler der Natur.

Ich selbst nenne mich nur das, was ich geworden bin.

Ein Werkzeug.

Ich weiß immer, wann jemand Angst bekommt.

Nicht an den Augen.

Augen lügen.

Es ist die Atmung.

Drei Sekunden schneller.

Ein kaum sichtbares Zittern der Finger.

Der Versuch, ruhig zu wirken.

Ich weiß, dass jeder Mensch eine Schwäche besitzt.

Manche haben Angst.

Manche haben Gier.

Manche haben jemanden, den sie lieben.

Liebe macht Menschen berechenbar.

Deshalb lasse ich sie niemals zu.

Meine erste Regel: Keine Gefühle.

Gefühle machen aus einem Jäger eine Beute.

Meine zweite Regel: Kein Gewissen.

Ein Gewissen ist nur ein anderer Name für Zweifel.

Meine dritte Regel: Verfehle niemals dein Ziel.

Ich versage nie.

Nicht, wenn sie betteln.

Nicht, wenn sie weinen.

Nicht, wenn sie mir ihre letzten Worte schenken.

Ich kenne die Gesichter meiner Opfer nicht mehr.

Aber ich erinnere mich an jede Bewegung.

An jeden Fehler.

An jeden Moment, in dem sie begriffen haben, dass niemand kommt.

Worte sind nur Geräusche, die Menschen machen, wenn sie Angst haben.

Meine vierte Regel: Keine Kinder.

Die einzige Regel, deren Bedeutung mir bis heute verborgen bleibt.

Bis zu dieser Nacht.

Ich sehe die kleine Hand nach Hilfe greifen.

Und etwas in mir bewegt sich.

Nicht mein Herz.

Das habe ich vor langer Zeit begraben.

Etwas anderes.

Eine Erinnerung.

Ein Schmerz, den ich nie wieder fühlen wollte.

Ich sollte gehen.

Ich sollte zusehen.

So wie ich es immer getan habe.

Aber mein Körper bewegt sich, bevor mein Verstand es erlaubt.

Zum ersten Mal bin ich nicht der Tod, der kommt.

Zum ersten Mal bin ich jemand, der ihn aufhält.

Und genau das macht mir Angst.


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